Czernowitz

Entdecken Sie das vielfältige jüdische Erbe von Czernowitz!

Dieser AudioWalk wurde von Centropa, dem Büro für Erinnerungskultur und dem Museum für jüdische Geschichte und Kultur der Bukowina in Chernivtsi erarbeitet. Er bietet Ihnen die Möglichkeit, mehr über die einzigartige multiethnische Geschichte von Czernowitz zu erfahren. Die Stadt, die sich heute im Südwesten der Ukraine befindet, war einst Teil des Habsburger Reiches und bekannt für sein pulsierendes jüdisches Leben.

Dieser AudioWalk erzählt die jüdische Geschichte von Czernowitz durch acht jüdische Holocaust-Überlebende, die ihre Erinnerungen in Centropa-Interviews teilten. Begleitet von ihren Erzählungen erkunden Sie die Stadt und die Orte, die Sie besuchen werden.

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Über den Czernowitz-AudioWalk

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In Zusammenarbeit mit dem Museum für jüdische Geschichte und Kultur der Bukowina in Chernivtsi entwickelten das jüdische Geschichtsinstitut Centropa und das Büro für Erinnerungskultur aus Babenhausen einen Audio-Walk, der die Geschichte des jüdischen Lebens in Czernowitz erfahrbar macht.

Dieser Audio-Walk entstand aus Archivmaterial, das in historischer Forschungsarbeit von Mykola Kuschnir, Holger Köhn, Christian Hahn sowie Fabian Rühle gesammelt und ausgewertet wurde. Der Audio-Walk beleuchtet diverse Schauplätze jüdischen Lebens; und bietet dem Nutzer einen Einblick in die jüdische Geschichte von Czernowitz, das bis zu seiner Zerstörung im Nationalsozialismus eine für die Region besondere kulturelle und sprachliche Vielfalt besaß, wodurch die Stadt internationales Ansehen genoss.

Die im Audio-Walk präsentierten historischen Hintergrundinformationen werden durch persönliche Erinnerungen ergänzt, die acht von Centropa interviewte jüdische Zeitzeugen mit uns teilen. Sie nehmen uns mit in das Czernowitz ihrer Kindheit und Jugend – und so können wir in die einmalige Atmosphäre dieser Vielvölkerstadt vor dem Zweiten Weltkrieg eintauchen, wir erfahren auch von den Schrecken des Kriegs sowie von den Jahren unter der Sowjetherrschaft bis 1991.

Dieser persönliche Einblick in die Lebenswelten der Czernowitzer Juden bringt die jüdische Geschichte dieser Stadt wieder zum Leben. Er schlägt den Bogen bis zur Gegenwart, in der noch immer etwa 1.000 Juden in Czernowitz leben.

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Einführung in die jüdische Geschichte von Czernowitz

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Juden prägten das Leben der Stadt Czernowitz sowie deren Stadtbild über lange Zeit.

Als die Bukowina 1774 in die Habsburger Monarchie eingegliedert wurde, lebten in der Stadt am Pruth rund 100 jüdische Familien. Eine erste jüdische Gemeinde existierte schon zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Ende des 18. Jahrhunderts bekam die jüdische Bevölkerung erste Rechte zugesprochen. Abgeschafft wurde zum Beispiel die Beschränkung der Berufswahl. Mit der neuen Verfassung von 1849 sowie weiteren maßgeblichen Änderungen im Jahr 1867 erhielten die Bukowiner Juden schließlich die vollständige rechtliche Gleichstellung innerhalb der Habsburger Monarchie. Alle Einschränkungen der Besitzrechte wurden aufgehoben, unbeschränkte Freizügigkeit garantiert und damit die Etablierung eines jüdischen Mittelstands ermöglicht. In der Folge zogen eine Vielzahl von Juden aus umliegenden Regionen nach Czernowitz, besonders aus Galizien, Bessarabien und Moldau, sodass die Anzahl der Juden zwischen 1850 und 1890 von knapp 5.000 auf etwa 17.500 Personen anwuchs.

Die jüdische Gemeinde prägte in dieser Zeit maßgeblich das Presse- und Theaterwesen in Czernowitz. Jüdische Architekten, Hoteliers, Bankiers und Vorstände von verschiedenen Berufsverbänden waren wichtige Personen des gesellschaftlichen Lebens. Im Handel und in manchen Handwerksbranchen nahmen Juden eine herausragende Position ein, etwa bei Uhrmachern, Zimmermännern und Schuhmachern. Auch in manchen freien Berufen, etwa bei Privatärzten oder Rechtsanwälten, bildeten sie ab Anfang des 20. Jahrhunderts die Mehrheit. Das gleiche gilt für den Staatsdienst, besonders für Lehrer und Beamte. Auch in der Politik spielten Juden eine wichtige Rolle. Sie waren im Gemeinderat vertreten und stellten Anfang des 20. Jahrhunderts mit Eduard Reiss und Salo Weisselberger sogar zweimal den Bürgermeister der Stadt.

Bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts gab es in der Bukowina und auch in deren Hauptstadt Czernowitz zwei sich deutlich voneinander unterscheidende Glaubensrichtungen. Es gab chassidische orthodoxe Juden sowie aufgeklärte Reformjuden. Während die Mehrheit der Bukowiner Juden auf dem Land Jiddisch sprach und an orthodoxen Traditionen festhielt, sprach der Großteil der städtischen Juden in Czernowitz Deutsch und orientierte sich auch stark an der deutsch-österreichischen Kultur: Jüdische Kinder in Czernowitz besuchten mehrheitlich staatliche Schulen mit deutscher Unterrichtssprache und auch jüdische Zeitungen erschienen in deutscher Sprache. Die jüdische Bevölkerung trug maßgeblich zur deutsch-österreichischen Kultur der Stadt bei.

1910 bildeten die rund 28.000 in Czernowitz lebenden Juden mit knapp 33 % die größte ethnische Gruppe innerhalb der Stadt. Die jüdische Gemeinde von Czernowitz war zu dieser Zeit zugleich die drittgrößte innerhalb des gesamten Habsburger Reiches! Nur die Gemeinden in Wien und in Lemberg waren noch größer. Während der Habsburger Zeit, also bis zum Ersten Weltkrieg 1914, lebten die verschiedenen ethnischen und religiösen Gruppen – neben den Juden vor allem Rumänen, Ukrainer, Deutsche und Polen – weitgehend friedlich nebeneinander. Während des Ersten Weltkriegs, als die Besatzung mehrfach wechselte, kam es unter russischer Verwaltung zu antisemitischen Übergriffen. Nach dem Ersten Weltkrieg gehörte Czernowitz dann zum Königreich Rumänien, was mit Einschränkungen für die jüdische Gemeinde verbunden war. Dennoch stieg in der Zwischenkriegszeit der Anteil der jüdischen Bevölkerung nochmals an, was auch am Zuzug von Juden aus Bessarabien lag.

1919 lag der Anteil der jüdischen Bevölkerung von Czernowitz– das seit 1919 auf Rumänisch „Cernauti“ hieß – bei über 47 %! Auch im Jahr 1930 stellten Juden mit 37 % bzw. rund 43.000 Personen noch die größte ethnische Gruppe in der Stadt. Bruno Bittmann, in Czernowitz 1928 geboren, war einer der jüdischen Bürger der Stadt. In einem Centropa-Interview aus dem Jahr 2004 erinnert er sich an die Atmosphäre in der Stadt seiner Kindheit und Jugend:

Czernowitz, auch ‚Klein Wien des Ostens‘ genannt, war eine moderne Stadt und hatte 150.000 Einwohner. Ich erinnere mich an die Sommer-Straßenbahn mit offenen Waggons und die Winter-Straßenbahn mit geschlossenen Waggons. Fast die Hälfte der Einwohner in Czernowitz waren Juden. Die meisten von ihnen fühlten sich der deutschen Kultur zugehörig. Es gab eine Universität, Theater, Kinos, Kaffeehäuser, und Czernowitz war eine Literaturstadt. Dort lebten viele Schriftsteller und Künstler: Karl Emil Franzos, der erste, der zu internationalem Ruhm gelangte, Rose Ausländer, Moses Rosenkranz, Paul Celan, Selma Meerbaum, Gregor von Rezzori, Elieser Steinbarg, Itzig Manger und der berühmte Tenor Joseph Schmidt und viele andere, die sich in der Czernowitzer Atmosphäre wohlfühlten. Mit Paul Celan, dem weltbekannten Lyriker, damals hieß er noch Paul Antschel, und seinen Eltern war meine Familie eng befreundet.

Während der einjährigen sowjetischen Besatzung, von Juni 1940 bis Juli 1941, wurden alle jüdischen Organisationen verboten und aufgelöst. Etwa 3.000 Juden wurden nach Sibirien deportiert. Mit Beginn des Überfalls auf die Sowjetunion besetzten im Juli 1941 deutsche und rumänische Truppen die Stadt. Hunderte Juden wurden erschossen. Im Oktober 1941 errichte die rumänische Verwaltung ein jüdisches Ghetto und begann zugleich mit der Deportation von Zehntausenden Juden in die Lager-Hölle von Transnistrien. Etwa 15.000 Juden aus Czernowitz überlebten den Zweiten Weltkrieg. Viele von ihnen emigrierten 1945/46 nach Rumänien, Palästina oder in die USA. Czernowitz hieß nun „Cernovtsi“ und war Teil der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik.

1989, kurz vor dem Zerfall der Sowjetunion, lebten 15.600 Juden in Czernowitz. Seitdem nimmt die Anzahl der Juden in der Stadt – die heute „Chernivtsi“ heißt – ab. Tausende emigrierten in den 1990er Jahren nach Israel oder in die USA, andere zog es nach Kiew oder Lemberg. Heute zählt die jüdische Gemeinde von Czernowitz rund 1.000 Mitglieder. Der aktuelle Sitz der jüdischen Gemeinde befindet sich im ehemaligen Jüdischen Nationalhaus am Theaterplatz, in dem sich auch das Museum für Geschichte und Kultur der bukowinischen Juden befindet. Zwei Synagogen sowie eine jüdische Schule gehören noch bzw. wieder zur jüdischen Gemeinde. Es gibt in der Stadt aber zahlreiche Gebäude, die an das einst blühende jüdische Leben erinnern – wobei oft wenig auf die ehemalige Nutzung eines Gebäudes als Synagoge, als jüdisches Kulturzentrum oder Schule, als jüdisches Krankenhaus oder Waisenhaus verweist. Der Audio-Walk bietet die Möglichkeit, diesen jüdischen Erinnerungsorten nachzuspüren. Auszüge aus Centropa-Interviews, mit Geschichten von jüdischen Zeitzeugen aus Czernowitz, bereichern den Spaziergang mit persönlichen Erinnerungen an vergangene Zeiten, an glückliche Momente wie an grausame Ereignisse.

Tauchen Sie ein in die reiche jüdische Geschichte von Czernowitz! Wir wünschen viel Spaß beim Erkunden des jüdischen Czernowitz mit unserem Audio-Walk!

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Entdecken Sie den Czernowitz-AudioWalk entlang seiner Hauptthemen

… und finden Sie weitere Informationen zu den einzelnen Themen auf diesen Unterseiten

Alle Stationen des Czernowitz-AudioWalks

The blue and white bulding of the building of the former Temple synagogue

Tempel Synagoge

“Wir gingen in den großen Tempel, eine schöne Synagoge, zu besonderen Anlässen, wie den hohen Feiertagen oder anlässlich einer Hochzeit, und es war immer voll. Daher musste man vorher bei der jüdischen Gemeinde Plätze kaufen [...]” – Melitta Seiler
Das Gebäude des ehemaligen Groise Shil heute

Groise Shil

Die Groise Shil wurde 1854 erbaut und war bis 1877 der bedeutendste jüdische Tempel von Czernowitz. Durch den Bau der Tempelsynagoge wurde die Groise Shil zur wichtigsten orthodoxen Synagoge in Czernowitz.
Hauptsynagoge der Bukovina

Hauptsynagoge der Bukovina

Im ehemaligen Bethaus der Familie Korn, in der heutigen Sadovskoho-Straße 11, befindet sich seit 2011 die sogenannte „Hauptsynagoge der Bukowina“, derzit neben der Beit Tfilah Benyamin Synagoge die zweite aktive Synagoge in Czernowitz.

Jüdischer Friedhof

Der beeindruckende jüdische Friedhof von Czernowitz liegt etwas außerhalb des Stadtzentrums. Mit geschätzten 50.000 Gräbern ist der Friedhof einer der größten jüdischen Friedhöfe in Mittel- und Osteuropa und ein Zeugnis des vielfältigen jüdischen Erbes der Stadt.

Jüdisches Nationalhaus

Dieses beeindruckende Gebäude wurde 1908 eröffnet und wurde bald zur Heimat der jüdischen Gemeinde und der jüdischen Institutionen in Czernowitz. Heute befindet sich hier auch das Museum für jüdische Geschichte und Kultur der Bukowina in Chernivtsi, der Ausgangspunkt dieses AudioWalks.

Jüdisches Waisenhaus

Das jüdische Waisenhaus “Kaiser Franz Joseph Jubiläums-Waisenhaus für Israeliten in Czernowitz“ wurde 1904 eröffnet. Bis zu seiner Verstaatlichung 1941 wurde es unter der Leitung des Vorstandes der jüdischen Gemeinde verwaltet.
Das Gebäude des ehemaligen Jüdischen Krankenhauses

Jüdisches Altersheim und Jüdisches Krankenhaus

Das jüdische Alten- und Invalidenheim wurde 1911 eröffnet und war während der Regierungszeit der Habsburger das letzte große Projekt der jüdischen Gemeinde von Czernowitz. Gemeinsam mit dem angrenzenden jüdischen Krankenhaus, wurde es 1941 Teil des Ghettos.
Machsike Shabbat

Machsike Shabbat

Die 1894 gegründete Organisation „Machsike Shabbat“ unterstützte arme Mitglieder der örtlichen jüdischen Gemeinde in Czernowitz bis 1940.
Geburtshaus Paul Celan

Geburtshaus Paul Celan

Paul Celan, der von vielen für sein Gedicht „Todesfuge“ bekannt ist, war einer der berühmtesten deutschsprachigen Dichter der Nachkriegszeit. Besuchen Sie das Haus, in dem seine Familie in seiner Heimatstadt Czernowitz lebte und in dem Paul in den 1920er und 1930er Jahren aufwuchs, bevor er nach Paris auswanderte.
Geburstort Rose Ausländer

Geburtshaus Rose Ausländer

“Warum schreibe ich? Vielleicht weil ich in Czernowitz zur Welt kam, weil die Welt in Czernowitz zu mir kam. Jene besondere Landschaft. Die besonderen Menschen. Märchen und Mythen lagen in der Luft, man atmete sie ein.” – Rose Ausländer

Ghetto und Ghetto-Mahnmal

Am 5. Juli 1941 besetzten die deutschen Truppen Czernowitz. Alle Juden aus Czernowitz mussten ins Ghetto [...] Acht oder neun Leute waren wir in einer kleinen Kellerwohnung, aber anderen ging es schlechter. - Bruno Bittmann

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